Was Sie schon immer über das Übersetzen und Dolmetschen wissen wollten – Die 22 häufigsten Irrtümer

Die Vorstellungen, die über den Beruf des Übersetzers kursieren, stammen entweder aus den 70er Jahren, basieren auf unverwüstlichen Vorurteilen oder sind schlicht und ergreifend falsch. Wenn Sie Nichtübersetzer und Branchenfremde fragen, was sie sich unter einem Übersetzer vorstellen, werden Sie eine oder mehrere der folgenden, weit verbreiteten Antworten erhalten:

01 Übersetzen ist das Übertragen von Wörtern in eine andere Sprache

Weit gefehlt! Auf kurze, eindeutige, kontextunabhängige Wörter und Sätze mag das zutreffen. In der Regel geht es aber darum, Sinn und Inhalte zielgruppengerecht zu übertragen. Das ist ein Grund, warum maschinell erstellte Übersetzungen oft inakzeptable Ergebnisse liefern. Beispiel: „Egal, was sie trinken will, besorg’s ihr.“ Viel Fantasie ist nicht erforderlich, um sich die möglichen Folgen einer Fehlübersetzung vorzustellen.

02 Übersetzen ist ein Kinderspiel

Ein Personal Computer und ein paar Softwareprogramme genügen und schon kann man loslegen. Weit gefehlt! Werkzeuge sind unverzichtbar, aber „A fool with a tool is still a fool“. Professionelle (freiberufliche) Übersetzer sind u. a. mit folgenden Fertigkeiten und Eigenschaften ausgestattet: Profunde Sprach- und Fachkenntnisse, Werkzeugkenntnisse, Schreibfertigkeiten, betriebswirtschaftliches Know-how, unternehmerisches Denken, Informations- und Recherchehunger, Lern- und Kritikfähigkeit.

03 Ein gemeinsprachliches Wörterbuch und ein Fachwörterbuch genügen

und schon können sich Einsteiger oder Nichtübersetzer ans Übersetzen machen. Weit gefehlt! Wörterbücher sind in erster Linie Nachschlagewerke, deren Hauptzweck darin besteht, die Suche nach der bestmöglichen Übersetzung zu unterstützen. Die kontextspezifische, druckreife Übersetzung steht jedoch eher selten in einem Wörterbuch. Meine Professorin pflegte immer zu sagen: „Das Übersetzen fängt dort an, wo das Wörterbuch aufhört.“ Das war vor vielen Jahren so und trifft auch heute noch den Nagel auf den Kopf.

04 Eine Übersetzung ist unantastbar

Weit gefehlt! Theoretisch ist eine Übersetzung nie fertig. Nach vier Überarbeitungen mag die Übersetzung endlich „rund“ sein, doch bei der 5. Überarbeitung wird fast jeder Übersetzer noch etwas zu „verbessern“ haben. Darüber hinaus stimmen zehn Übersetzungen desselben Textes nie überein. Geben Sie zehn Übersetzern denselben Ausgangstext und Sie werden zehn verschiedene Übersetzungen erhalten.

05 Erfolgreiches Übersetzen setzt ein Übersetzerdiplom voraus

Weit gefehlt! Ein Übersetzerdiplom ist nicht zwingend, es ist aber eine sehr gute Basis für den Einstieg in die Welt des professionellen Übersetzens. Den Königsweg zum Übersetzen gibt es nicht. Nicht selten bringen Übersetzer ohne Diplom die besseren Übersetzungen zustande.

06 Ein Medizinübersetzer muss Medizin studiert haben

Weit gefehlt! Es ist unstrittig, dass ein Medizinstudium sich sehr vorteilhaft auf die Qualität von Medizinübersetzungen auswirken kann. In der Praxis haben jedoch viele Medizinübersetzer nicht Medizin (Wirtschaft, Recht usw.) studiert. Hätten sie das, wären sie vermutlich Arzt (Betriebswirt, Rechtsanwalt usw.).

07 Übersetzer arbeiten für Peanuts

Weit gefehlt! Auf einen Teil der Übersetzer mag das zutreffen. Der Übersetzermarkt ist sehr zersplittert und viele Übersetzer sind Einzelunternehmen. Ein Teil ist nebenberuflich tätig, so dass andere Einkommensquellen den Lebensunterhalt sichern. Freiberufliche Vollzeitübersetzer kalkulieren jedoch anders, insbesondere wenn Einnahmen ausschließlich durch Übersetzungstätigkeit erzielt werden. Letzten Endes kommt es auf die Positionierung im Markt, auf die Art der Aufträge und auf die Zielgruppe an.

08 Übersetzer verlangen zu viel Geld

Weit gefehlt! Professionelle Übersetzer erbringen mindestens dieselbe intellektuelle Leistung wie Ärzte, Anwälte, Informatiker usw., sie erreichen aber im Durchschnitt nicht deren Honorarniveau. Hüten Sie sich vor Billiganbietern! Gute Übersetzungen sind ihr Geld wert, billige sind mit Vorsicht zu genießen.

09 Übersetzen ist eine intellektuelle und einsame Beschäftigung

Weit gefehlt! „Intellektuell“ trifft in vielen Fällen zu, aber „einsam“ nicht unbedingt. Heute ist kaum ein Übersetzer von der Außenwelt abgeschnitten, ganz im Gegenteil. Viele sind mit Kollegen und Kunden vernetzt und tauschen Meinungen und Wissen aus, Internet sei Dank! Telefon und E-Mail gibt es schon lange, soziale Netzwerke wie XING, LinkedIn, Twitter und Übersetzerportale sind hinzugekommen. In größeren Städten finden regelmäßige Übersetzerstammtische oder Fortbildungsveranstaltungen statt.

10 Jeder Übersetzer beherrscht zahlreiche Fremdsprachen

Weit gefehlt! Entgegen der landläufigen Meinung ist eine Sprachkombination völlig ausreichend und kann für ein zufriedenstellendes Auftragsvolumen sorgen. Das Übersetzen aus der Fremdsprache in die Muttersprache ist Standard – Ausnahmen bestätigen die Regel, vor allem, wenn es sich um seltene Sprachkombinationen handelt.

11 Übersetzer sind in allen Fachgebieten zuhause

Weit gefehlt! Kennen Sie einen Augenarzt, der zugleich Herzspezialist, HNO, Orthopäde, Gynäkologe und Onkologe ist? Es ist schon eine große Herausforderung, in einem Fachgebiet Exzellenz-Status zu erreichen und auf dem Laufenden zu bleiben. Darüber hinaus sind Experten gefragter als Generalisten und erzielen höhere Honorare.

12 Übersetzer haben den Inhalt von Wörterbüchern im Kopf

Weit gefehlt! Allein die englische Sprache kennt über 300.000 Wörter und Redewendungen. Kein Mensch verfügt über so viel „RAM“ (random-access memory) oder „Festplattenspeicher“. Ist Ihnen ein Anwalt bekannt, der alle Gesetze, Gesetzestexte und Paragraphen aller Themenbereiche auswendig kennt?

13 Übersetzer sind Besserwisser

Weit gefehlt! Übersetzer sind Perfektionisten, das liegt in der Natur der Sache. Wären sie es nicht, hätten sie ihren Beruf verfehlt. Sätze oder Texte werden so lange von allen Seiten unter die Lupe genommen, bis sie „perfekt” sind. Sie werden wie Edelsteine geschliffen und poliert, bis sie in vollem Glanz erscheinen. Im Idealfall kann der Leser nicht erkennen, dass es sich um eine Übersetzung handelt.

14 Übersetzer sind Frauen mit einem gut verdienenden Partner

Weit gefehlt! Zutreffend ist, dass der Großteil der Übersetzer weiblichen Geschlechts ist, aber Vollzeit arbeitende Übersetzerinnen sind unabhängig und haben nichts dagegen, wenn ihre Partner auf eigenen Beinen stehen.

15 Übersetzer, die Fragen stellen, haben fachliche Defizite

Weit gefehlt! Das Gegenteil ist der Fall. Ein Übersetzer, der Fragen zur Klärung eines Sachverhaltes oder eines Begriffes stellt, zeigt, dass er sich sehr intensiv mit dem Anliegen des Kunden befasst und professionell arbeitet. Sorgfältige Übersetzer decken Fehler in den Ausgangstexten auf und tragen somit wesentlich zur Qualitätssicherung bei. Davon abgesehen sind die Ausgangstexte nicht selten von Nichtmuttersprachlern verfasst und so unverständlich, dass Rückfragen unvermeidbar sind.

16 Ein Übersetzer verbringt den Tag in einer Dolmetscherkabine

oder er stellt sein Können den ganzen Tag in Dolmetschersituationen unter Beweis. Weit gefehlt! Tatsächlich ist ein Teil der Übersetzer auch als Dolmetscher tätig, und nicht wenige Dolmetscher übersetzen auch, aber es kann nicht oft genug wiederholt werden: Ein Übersetzer ist Meister der geschriebenen Sprache, während ein Dolmetscher die Kunst der gesprochenen Sprache beherrscht.

17 Wer übersetzen kann, der kann auch dolmetschen – und umgekehrt

Weit gefehlt! Richtig ist, dass sowohl Übersetzer als auch Dolmetscher Sprache übertragen. Aber: Während Übersetzer sich der geschriebenen Sprache widmen, übertragen Dolmetscher gesprochene Sprache. Folglich erfordert das Übersetzen ganz andere Fähigkeiten und Qualifikationen als das Dolmetschen. An Universitäten wird im Grundstudium beides gelehrt und eingeübt, danach kristallisiert sich ein Schwerpunkt heraus. Tendenziell sind Dolmetscher extrovertiert, Übersetzer introvertiert. Übersetzen ist Handwerk, Dolmetschen ist Mundwerk.

18 Übersetzer lassen sich durch MT- und CAT-Software ersetzen

Weit gefehlt! Maschinelle Übersetzungsprogramme (MT-Tools) können in den Händen von Profis in Bereichen mit hohen Wiederholungsanteilen nützlich sein, sie können und werden humane Übersetzer jedoch niemals verdrängen. MT-Tools können Übersetzer durchaus ergänzen, sie können sie aber keineswegs ersetzen. Gleiches gilt für computergestützte Übersetzungsumgebungen (CAT-Tools) und Übersetzungsdatenbanken (translation memories). MT-Tools sind nicht mit CAT-Tools zu verwechseln.

19 Nur ein Übersetzer, der CAT-Tools einsetzt, ist ein guter Übersetzer

Weit gefehlt! Office-Software, Übersetzungstechnologie und Hardware vom Feinsten nützen nichts, wenn Möchtegernübersetzer Übersetzungen mithilfe von CAT-Tools anfertigen. Auch in der Übersetzerwelt gilt: „Garbage in, garbage out“.

20 Jeder, der zwei Sprachen spricht, kann auch übersetzen

Weit gefehlt! Es gehört mehr dazu (siehe Punkt 02). Was nützt es, wenn die amerikanische Frau meines deutschen Freundes Felix aus einer Medizinübersetzung einen perfekten englischen Text macht, der aber inhaltlich und terminologisch fehlerhaft ist? Das ist wie “Operation gelungen, Patient tot.

21 Übersetzer sind großzügige „Kreditgeber“

Weit gefehlt! Ein Zahlungsziel von maximal 30 Tagen wird von einigen Übersetzern unter Umständen noch akzeptiert, aber Übersetzer, die ihren Kunden ein Zahlungsziel von mehr als 30 Tagen einräumen, gewähren ihnen de facto einen zinslosen Kredit. Wenn Übersetzer längere Zahlungsziele einräumen, sind die Zinsen im Preis enthalten.

22 Eine Übersetzung ist top, wenn der Kunde sie top findet

Weit gefehlt! Welcher Kunde ohne Übersetzungshintergrund ist in der Lage, die Qualität einer Übersetzung beurteilen zu können? Selbst eine richtige und „gut klingende“ Übersetzung kann Fehler enthalten.

Autor: Aniello Scognamiglio, als PDF-Download abrufbar: TransInterpret22.pdf

Ein Dankeschön an Frau Hippe-Heisler, die mich zum Schreiben des Artikels inspiriert hat:

http://hippe-heisler.blogspot.co.uk/2011/09/top-10-misconceptions-about-translation.html

 

Wenn Sie mehr erfahren möchten:

Deutsch: http://www.iti.org.uk/pdfs/trans/German.pdf

Englisch: http://atanet.org/docs/Getting_it_right.pdf

Italienisch: http://www.aiti.org/pubblicazioni.html

 

Fotonachweis: Gerd Altmann (pixelio.de)

Ein Gedanke zu “Was Sie schon immer über das Übersetzen und Dolmetschen wissen wollten – Die 22 häufigsten Irrtümer

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